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Andreas Hahn: Künstler / Artist

la vida es bella



Rezension: Buchard

Christian Buchard, Kunsthistoriker, FU München

Die Farbe als Botschafter der Freiheit

Andreas Hahn und der Werkzyklus
La càrcel abierta und EI mensaje de los colores
(1998 – 2009)

Farben sind über den Gesichtssinn nicht nur die Öffnung zur Außenwelt, sondern auch eines der Urmedien des Menschen seine eigenen Erfahrungen in die Außenwelt zu projizieren. In der Evolution der Menschheit ist die Farbe und das Farbsehen eine sehr späte Entwicklung und im Vergleich zum Hell-Dunkel-Sehen nur gering entwickelt. Auf der Netzhaut gibt es ca. 120 Millionen Rezeptoren für das Schwarz-Weiß-Sehen und dem gegenüber nur ungefähr 6 Millionen Rezeptoren für das Farbsehen. Darüber hinaus sind die Nervenausformungen für das Hell-Dunkel-Sehen, die sogenannten Stäbchen, um ein Vielfaches empfindlicher als die Sinnesnerven für das Farbsehen, den sogenannten Zapfen. Für den Menschen, der seine Umgebung vorwiegend mit dem Augensinn erkundet, verbessert die Farbwahrnehmung wesentlich das Erkennen und Erinnern des Gesehenen. Es ist aber eine Besonderheit der Farbwahrnehmung, dass der physiologische Prozess überlagert wird durch psychologische Faktoren. Seelische Stimmungen verändern die Farbwahrnehmung. Farben sind ein Schlüssel zum Subjektiven.

Die Werke und Installationen von Andreas Hahn arbeiten mit einer Farbensprache, die mit großen Gesten und starken Kontrasten ihre Wirkung entfaltet und auf einer zweiten metaphorischen Ebene das emotionale Potential des Mediums auslotet. Es ist ein dionysischer, expressionistischer Farbenzauber, der die lebensbejahende Leuchtkraft gesättigter Farbtöne ins Bild setzt. Konsequent spürt Andreas Hahn in seinen Werkreihen der formsprengenden Kraft der Farbe nach. Aus dem Wandbild wird ein dreidimensionaler Farbbildkörper der sich von der Wand abhebt mit 5 bemalten Flächen. Hahn kombiniert mehrere Segmente zu polygonalen Farbprismen, die sich aus der Konvention des rechteckigen Bildes lösen, wie die wahlverwandten Werke der amerikanischen Farbfeldmaler. Eine Besonderheit bilden die Keilbilder, Arbeiten aus keilförmigen Segmenten, die eine strenge geometrische Raumwirkung ausüben, welche den weichen Farbverläufen entgegenwirkt. Auch die formale Aufteilung der Bilder ist dem Primat der Farbe untergeordnet. Ohne Licht und Schatten, sondern nur durch Farbkontraste entstehen Farbräume von suggestiver Tiefenwirkung. Die einzelnen Farbfelder bilden oft spektrale Farbreihungen von Gelb zu Rottönen, von Blau zu Violettönen. Die Schichtung von Kontrasten unterstützt das Experimentieren mit räumlicher Wirkung. Das plakative Spiel mit Primärfarben und die systematische Anordnung von Helligkeitsstufen und Sättigungsgraden strukturieren den psychedelischen Farbenzauber und geben ihnen einen besonderen Reiz. Sie potenzieren die Farbwahrnehmung, denn der Mensch nimmt im Alltag nur ungefähr 128 Farbtöne wahr. Erst durch die Kombination der Faktoren Farbton, Helligkeit und Sättigung entsteht ein Wahrnehmungsspektrum von annähernd 200.000 Farben.

Nach dem Hahn schon den dreidimensionalen Farbkörper für den Innenraum für sich entdeckt hat, ist es nur noch ein Schritt zum vollplastischen Farbobjekt, das wie eine Skulptur im Freien aufgestellt wird. In seinen Projekten mit Bild-Kunst im öffentlichen Raum, zum ersten Mal 1996 in Überlingen, betrat Hahn kunsthistorisch neues Terrain, indem er das Tafelbild von seinem angestammten Platz an einer Wand im Innenraum eines Gebäudes in den urbanen Außenraum versetzte, oder noch radikaler, in der Natur zum Beispiel in einem Park aufstellte. Für diese „Bild-Plastiken” entwickelte er eine spezielle witterungsfeste Technik. Es ist schon etwas Außergewöhnliches Hahns Bildwerke im Sommer auf einer grünen Wiese unter einem Baum zu entdecken: Ein provozierender Gegensatz, denn die Farben der Natur wirken bei diesem direkten Vergleich, trotz Sonnen-schein, eher bedeckt. Die Farbigkeit der Bilder von Andreas Hahn erinnern in ihrer Intensität an die Farben von Blüten und Früchten, aber mehr noch an die Farbigkeit, wie sie nicht in der organischen Natur, sondern durch kosmisch Lichtspiele in Erscheinung tritt, oder in dem Glühen von Erzen und im Lavastrom. Seit fünf Jahren lebt Andreas Hahn auf der vulkanischen Insel La Palma, wo solche Natur Farberlebnisse möglich sind.

Hier entstand der Werkzyklus La Càrcel Abierta (2003-2005) und EI mensaje de los colores (2007-2008), wortwörtlich das Gefängnis geöffnet und: die Botschaft der Farbe. In diesen Werkreihen bildet die Farbigkeit einen gleichnishaften Raum als Ausdrucksträger für die Sehnsucht nach Freiheit und Spirituali-tät. Erst die Intensität dieses Wunsches nach einer transzen-denten Freiheit macht dem Menschen die Beschränkungen durch die Gesellschaft und seines Körpers bewusst, bis zu dem Punkt, wo man die Gegenwart schmerzhaft als Gefängnis erlebt. Die Farb-Werke von Andreas Hahn, losgelöst von Gegenständ-lichkeit und zeichnerischen Elementen, sind Botschafter dieser Freiheit, einer Freiheit, die sich auf der Autonomie des Indivi-duums und der Autonomie der Kunst gründet.


Christian Burchard, Kunsthistoriker, Lehrbeauftragter für Ästhetik und Gestaltpsychologie, FH München

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